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Ein kontinuierlicher roter Faden lässt sich wegen der komplizierten
Verästelung von Firmenkonstellationen, in die Frazer Nash im Laufe von
90 Jahren verwickelt war, nur schwer darstellen. Die Geschichte ist vielmehr
durch ein ständiges Kommen und Gehen verschiedenster Protagonisten gekennzeichnet.
Jedenfalls lassen sich zwei Namen aus der langen Liste von involvierten
Personen isolieren, welche für die Evolution von Frazer Nash nachhaltig
von Bedeutung waren. Da wäre einmal Archibald (Archie) Goodman Frazer
Nash zu erwähnen, der als Gründer und Konstrukteur eine wesentliche Rolle
spielte. Die Marke hätte jedoch nur wenige Jahre überstanden, hätte es
nicht Harold John (HJ) Aldington gegeben, den man „Aldy” nannte - ein
Business-Genie, das für den nötigen kommerziellen Erfolg sorgte. Es dauerte
jedoch einige Zeit, ehe sich die ziemlich kontroversiellen Charaktere
Archie und Aldy über den Weg liefen.
Die Cycle-Car Ära Archibald Frazer Nash wurde 1889 in Indien geboren,
verbrachte seine Jugend aber in London. In der Finsbury Technical School
lernte er Henry Ronald Godfrey kennen. Was die beiden verband war die
Faszination für Automobile. Bald nach der Ausbildung bastelten sie mit
einfachsten Mitteln in einem Schuppen hinterm Haus der Familie Frazer
ein primitives Cycle-Car zusammen, das durchaus zufriedenstellend funktionierte.
Sie tauften den Wagen „GN” (für Godfrey & Nash) und starteten 1910 voll
Enthusiasmus eine improvisierte Serienherstellung. Das Unternehmen entwickelte
sich überraschend gut und bis zum Jahr 1914 musste das GN-Werk aus Platzmangel
zweimal übersiedelt werden. Als der 1. Weltkrieg ausbrach, ging Archie
zur Armee, während sich Ron Godfrey weiter um die kleine Firma kümmerte.
Archibald Frazer kehrte im Rang eines Captains von der Front zurück und
die Produktion wurde unverzüglich mit einer verbesserten Version des Ur-GN
wieder aufgenommen. Das mit einem luftgekühlten V2-Zylinder-Motor ausgestattete
Modell wies mit seinem Kettengetriebe bereits typische Merkmale späterer
Frazer Nash- Klassiker auf. 1919 übersiedelten GN abermals, diesmal nach
East Hill, Wandsworth, südlich der Themse, nicht weit von der legendären
Rennstrecke von Brooklands. Ein Jahr später wurde ein gewisser Harold
Aldington als Lehrling bei GN vorstellig, ohne dass die beiden Firmenchefs
besondere Notiz davon nahmen.
Die frühen 20er Jahre brachten einen deutlichen Entwicklungsschub in der
Automobilindustrie. Es gab nun schon eine Reihe durchaus preisgünstiger
Fahrzeuge auf dem Markt, die wesentlich mehr zu bieten hatten, als die
populären Cycle-Cars der Vorkriegsjahre. Godfrey und Frazer hatten sich
zu sehr auf Autorennen konzentriert und dabei die Zeichen der Zeit übersehen.
Geldsorgen führten schließlich zur Trennung der beiden Schulkollegen.
Godfrey gründete in der Manor Road, Richmond, eine Reparaturwerkstatt
für GN-Fahrzeuge und Frazer setzte mit mäßigem Erfolg die Weiterentwicklung
seines Konzepts unter dem Titel „Frazer Nash Ltd.” auf eigene Faust fort.
1925 war Harold Aldington wieder da, den die Krise den Job bei GN gekostet
hatte. Er arbeitete nun als Verkäufer bei Frazer Nash, jedoch konnte er
nicht verhindern, dass Archie neuerlich in finanzielle Bedrängnis geriet.
William G. Thomas, der mit der Aufbereitung von alten Armee-Lastwagen
Geld gemacht hatte, rettete Archie vor dem drohenden Konkurs und bot den
kümmerlichen Resten der Frazer Nash Ltd. in seiner Halle ein neues Quartier.
So entstand 1925 in der London Road, Kingston on Thames die „William G.
Thomas, & Frazer Nash Ltd.”
Es gab zwar keinen Schauraum, aber der junge Aldy nützte geschickt persönliche
Kontakte, um Kunden für den neuen Frazer Nash, einen schon recht ausgereiften
Wagen mit wassergekühlem 4-Zylinder Anzani-Motor zu gewinnen. Zum Unterschied
von Archie, der die Auffassung vertrat, seine Klientel könne sich glücklich
schätzen, von ihm überhaupt einen Wagen zu erhalten, hatte Aldy stets
ein offenes Ohr für Kritik und Anregungen der Konsumenten. Der Boss war
jedoch nicht sehr empfänglich für die Vorschläge seines Verkäufers. Diese
Differenzen führten dazu, dass sich Aldington eines Tages mit Ron Godfrey
zusammentat und in Richmond gebrauchte FN-Modelle nach Kundenwunsch modifizierte.
Das Geschäft florierte und Aldy überredete seinen Bruder Donald Arthur
(DA), der bereits Branchenerfahrungen mit dem Verkauf von Bugattis, ABC
und Singer Automobilen bei „Murphy's of Mortlake” gesammelt hatte, ihn
bei seinen Aktivitäten zu unterstützen. Die Brüder riefen „Aldington Motors”
ins Leben und siedelten sich in der Nähe der Kew Gardens an.
Die Aldingtons übernehmen das Ruder. Die William G. Thomas & Frazer
Nash Ltd. lief indes mehr schlecht als recht. Pro Woche wurde gerade mal
ein Auto fertig gestellt - zu wenig für ein positives Betriebsergebnis.
Im Frühjahr 1927 sah man sich gezwungen, die Besitzverhältnisse neu zu
ordnen. Mit der finanziellen Unterstützung weiterer Teilhaber wurde die
AFN (Archibald Frazer Nash) Ltd. gebildet. Trotzdem sank die Produktivität
weiter dramatisch ab. Bei einer Krisensitzung im Dezember 1928 kam man
überein, die erfolgreichen Aldington Brüder mit der Leitung der AFN zu
betrauen. So bekleidete Aldy ab dem 1. Januar 1929 den Posten eines Managing
Directors. Archie und Aldy arbeiteten also wieder zusammen, allerdings
hatte Aldy nun das Sagen und er machte sich gleich ans Aufräumen. Eine
Modellpflege war längst überfällig und ein Ersatz für das nicht mehr ganz
zeitgemäße Anzani-Aggregat musste gefunden werden. Archie wurde bei Henry
Meadows in Wolverhamton fündig. Eine Testfahrt mit dem 4-Zylinder-OHVMotor
von Meadows nach Lands End brachte Gewissheit, dieser Antrieb war ideal.
1929 ging ein neuer Frazer Nash mit der Bezeichnung „Special Model” in
Produktion. Voll Tatendrang erwarb Aldy ein Grundstück in Isleworth, wo
ein kleines, maßgeschneidertes Werk entstehen sollte. 1930 war das Objekt
bezugsfertig. Über dem Eingang wurde ein Schild mit der Aufschrift „FRAZER
NASH CARS” angebracht. Archie hatte dort ausreichend Platz für die Produktion
und Aldy bekam endlich seinen Schauraum. William Henry (WH) oder kurz
Bill, der dritte Bruder der Aldingtons, hatte in Frankreich Erfahrungen
mit Marketing und Pressearbeit gemacht. Er erklärte sich bereit sein Know-how
in die Firma einzubringen. Das Team war zwar nicht groß, aber soweit komplett
und gut gerüstet, in eine bessere Zukunft zu starten. Die polierten Alu-Bodys,
mit denen Archie seine Autos bisher karossiert hatte, sahen zwar bei der
Auslieferung prachtvoll aus, doch bereits nach einigen Monaten verloren
sie ihren Glanz. Außerdem bildeten sich Risse, die nicht leicht zu reparieren
waren. Ein Frazer Nash sollte aber auch noch nach Jahren einen guten Eindruck
machen. Darum entschied sich Aldy nun für textilbezogenes Stahlblech.
Im Februar 1930 wurde ein neues Modell mit Viergang-Kettengetriebe vorgestellt.
Es erhielt die Fahrgestellnummer 2000, um den Neubeginn zu dokumentieren.
Die Kingston-Produktion endete mit der Nummer 1222. Bill Aldington arrangierte
Testfahrten für Motorjournalisten. Im Januar 1931 lobte Motor Sport die
Fahreigenschaften und beschrieb den Frazer Nash als „einen Allzweckwagen
mit derart guten Fahrleistungen, sodaß man ihn ohne weiteres für Rennen,
Zuverlässigkeitfahrten, Trials oder Hill Climbs einsetzen kann.”
Ganz in der Nähe saß ein Mitbewerber, der einen ähnlich steinigen Weg
hinter sich hatte, wie Frazer Nash: Aston Martin in Feltham. Diese Parallele
wäre nicht weiter erwähnenswert, hätte es nicht auch eine interessante
Überschneidung gegeben. „Bert” Bertelli, der die Marke Aston Martin 1926
übernommen hatte, brauchte dringend Geld. Aldy garantierte für einen Kredit
und sicherte sich damit die Option, Astons auch in Isleworth verkaufen
zu dürfen. Diese Verbindung bestand jedoch nur wenige Monate und Aldy
profitierte sogar ein wenig, indem er fünf Aston Martins vermittelte.
Am 10. August wurde eine Gesellschaftersitzung in Kingston angesetzt,
die für Frazer Nash eine neuerliche Wende zur Folge hatte. Harold John
Aldington gab bekannt, dass er das Firmenkapital von 100 auf 3.600 Pfund
aufzustocken gedenke. Durch diesen Schachzug schrumpfte Archibald Frazers
Beteiligung auf unter ein Prozent. Archie hatte dem nichts entgegenzusetzen
und er räumte das Feld. Immerhin blieb dieser Miniaturanteil bis zu seinem
Lebensende im Jahre 1965 in seinem Besitz. AFN bedeutete ab nun „Aldington
Frazer Nash” und Aldy hatte die absolute Entscheidungsfreiheit.
Die Chain-Gang im Rennfieber. Die folgenden Jahre standen ganz
im Zeichen des Motorsports. Nicht nur die Aldington-Brüder sondern auch
die Mehrzahl der Kunden wurden zu begeisterten Rennfahrern. So teilten
sich HJ und DA Aldington 1930 beim 12- Stunden von Brooklands einen Werkswagen
und belegten den 7. Rang in der 1500er Klasse. Aldys Kurventechnik muss
so beeindruckend gewesen sein, daß man in verschiedenen Fachmagazinen
euphorisch darüber berichtete. Beim Whitson Meeting, einem Bewerb über
10 Runden, heftete er sich sogar an die Fersen des berühmten Malcom Campbell
und kam hinter dessen mächtigem 7-Liter-Mercedes als 2. durchs Ziel -
eine Sensation.
Das Easter Brooklands Meeting 1931 gewann kein Frazer Nash sondern ein
sympatischer junger Mann namens A.F.P. Agabeg auf seinem Salmson, nachdem
er sich ein paar Ratschläge von Aldy geholt hatte. Ende des Jahres klopfte
Agabeg in Isleworth an, um einen Frazer Nash zu ordern. Im Mai 1932 bekam
er einen Rennsportwagen mit Fahrgestellnummer 2040 geliefert, der von
einem aufgeladenem Meadows Motor angetrieben wurde. Aus diesem Geschäft
erwuchsen eine enge Freundschaft und weitere Konsequenzen für Frazer Nash,
auf die wir noch zurückkommen werden. Ein besonderes Kapitel in der Frazer
Nash-Geschichte ist die Teilnahme bei den „Alpine Trials”. Es war im Juli
1932, als sich die auf dem Kontinent noch unbekannte Marke erstmals an
dieser bemerkenswerten Rallye beteiligte. Der Start erfolgte in München
und die 1500 km lange Strecke führte über Österreich, Italien, die Schweiz
und Frankreich nach San Remo. Die beiden eingesetzten Frazer Nash - am
Steuer Gripper/Maxwell und HJ Aldington/Ross - bewältigten die Strecke
auf Anhieb fehlerfrei und brachten je einen „Coupe des Glaciers” zurück
auf die Insel. 1933 fanden sich bereits acht Frazer Nash auf der Starterliste,
doch es lief nicht ganz so reibungslos wie im Vorjahr. Nur das Team Aldington/Berry
blieb ohne Strafpunkte. Von den sechs Frazer Nash-Teams, die 1934 dabei
waren, ernteten Aldington/Berry und Tweedale/King zwei weitere der begehrten
Cups.
1932 sorgten HG Aldington/Berry nur wenige Wochen nach dem harten Einsatz
in den Alpen (mit dem selben Auto) auch für den größten Frazer Nash- Erfolg
der Kettengetriebe-Epoche bei der Tourist Trophy. Sie belegten den 9.
Gesamtrang und wurden 2. in ihrer Klasse.
Die kleine AFN Ltd. entwickelte sich weiter zufriedenstellend. Frazer
Nash wurde zu einer Art Kultmarke in England und der Kreis der Besitzer
rottete sich zu einer verschworenen Fan-Gemeinde, der „Chain-Gang” zusammen.
Bereits 1933 kam es zur Gründung des Frazer Nash Car Clubs, bei dem damals
mehr die motorsportlichen Aktivitäten im Vordergrund standen als die Pflege
sozialer Kontakte. Im gleichen Jahr wurde die AFN in die Societey of Motor
Manufacturers and Traders aufgenommen und war dadurch berechtigt, bei
der Motorshow in Earls Court auszustellen. Auf dem Frazer Nash-Stand gab
es aber keine großen Sensationen, denn ein neuer Motor auf Basis der Meadows-Konstruktion,
für den Albert Gough einen Zylinderkopf mit verbesserten Brennräumen entworfen
hatte, war erst im Entstehen. Das Ergebnis erwies sich zwar als stärker
aber nicht so zuverlässig, wie man sich das gewünscht hatte. Der Unterbau
war überfordert und es kam bei höheren Drehzahlen zu Pleuelschäden, ja
sogar zu Kurbelwellenbrüchen. Schließlich betraute man Gough mit der Entwicklung
eines vollkommen neuen Motors mit obenliegender Nockenwelle, der sich
als braver Alltagsantrieb eignete, aber auch Kompressoraufladung von über
20 psi vertragen sollte. Da man in Isleworth nicht über die Einrichtungen
für den Bau von Motoren verfügte, wurde die Serienfertigung an die Bean
Industries übergeben. Wenig später wurde HJ Aldington mit dem Vorschlag
konfrontiert, die Leitung der British Anzani Engineering Company zu leiten,
ebenfalls ein Spezialbetrieb für Motoren. Ihm kam dieses Angebot nicht
ungelegen und er sagte zu. Ein paar Wochen früher wäre es ihm lieber gewesen,
denn der Auftrag für den Gough-Motor war bereits unterschrieben. Bei Anzani
experimentierte man mit einem Doppelnockenwellen-Motor, für den Aldy bei
Frazer Nash keine Verwendung sah. Also offerierte er das Aggregat der
Squire Company. Kenner der englischen Szene wissen, dass Squire kein langes
Leben beschieden war, denn bereits nach sieben Sportwagen war Schluss.
WH Aldington kontaktierte auch das Burny & Blackburne Werk, welches die
Invicta Car Company und in der Folge auch Frazer Nash zwischenzeitlich
mit 1,5-Liter-6-Zylinder-Motoren belieferte. Doch sein Interesse konzentrierte
sich auf den Gough-Motor, da es der erste eigene Frazer Nash-Motor war,
wenn man so will, auch wenn er auswärts produziert wurde. Der erste Wagen,
welcher mit diesem Motor ausgestattet wurde war ein TTReplica mit Chassis
Nr. 2114. Man erkennt Gough- Autos an den vier Auspuffkrümmerrohren anstelle
von nur drei bei früheren Meadows-Modellen. Das Jahr 1934 gilt als Höhepunkt
in der Geschichte von Frazer Nash. Bei der Motor Show präsentierte man
den bislang aufregendsten Frazer Nash, den „Shelsley” mit zwei Kompressoren
und in Isleworth wurde der erste einsitzige Rennwagen gebaut.
Englisch-deutsche Freundschaft. Es war auch 1934, als HJ Aldington
erstmals auf BMW aufmerksam wurde. Die deutschen Sportwagen waren ebenfalls
beim Alpine Trial am Start und sie beeindruckten Aldy mit ihrer enormen
Leistung, die das gesamte Frazer Nash-Aufgebot in den Schatten stellte.
Der Legende nach soll HJ Aldington gleich nach der Siegerehrung mit den
Bayern Verbindung aufgenommen haben. Doch tatsächlich verfasste er erst
in England ein Schreiben, mit dem er um eine Lizenz für den Bau von Fahrzeugen
mit BMW-Technik in Isleworth anfragte. Dabei unterlief ihm ein kleiner
Fehler, denn er schickte sein Ansuchen nach Eisenach, nicht wissend, dass
sich der Firmensitz in München befand. Die weitere Geschichte von Frazer
Nash wäre möglicherweise anders verlaufen, hätte der Brief nicht die richtige
Stelle erreicht. Jedenfalls reagierte die BMW-Firmenleitung am 30. Oktober
1934 durchaus positiv und lud Aldy nach München ein, um Details für einen
Vertrag zu besprechen. Aldington reiste mit dem Zug an und wurde vom damaligen
BMW-Verkaufsdirektor Fritz Trösch empfangen. In einer ersten Vereinbarung
wurde festgehalten, dass die AFN Ltd. vorerst für ein Jahr BMW-Serienfahrzeuge
nach England importieren sollte, bevor man die Genehmigung für eine Lizenzfertigung
erteilen würde.
Mit Sicherheit erinnerten sich die Münchner bei diesem Deal, dass am Beginn
ihrer eigenen Automobilgeschichte eine Lizenzprodukt englischen Ursprungs
stand. Die „Dixi-Werke”, die in Eisenach einen leicht modifizierten Austin
Seven fertigten, gingen 1928 in den Besitz von BMW über. Bereits im Dezember
holte Aldy persönlich die ersten beiden BMWs, einen 315er Zweisitzer sowie
ein Cabriolet des gleichen Typs aus Deutschland ab. Nach der Überstellung
war er mehr als überzeugt, dass er die richtige Entscheidung getroffen
hatte. Früher oder später hätte man sich ohnehin vom alten Frazer Nash-Layout
verabschieden müssen. Einziger Wermutstropfen: die BMWs waren ziemlich
teuer. Aber Aldy war zuversichtlich, in England Käufer für die tadellosen
Autos zu finden. Noch wurden Kettengetriebe-Nashs gebaut, denn der BMWVerkauf
gestaltete sich anfangs etwas schleppend. Trotzdem waren beide Vertragspartner
diesseits und jenseits des Ärmelkanals zufrieden mit ihrer Kooperation.
1936, BMW war mittlerweile gut auf dem englischen Markt eingeführt, klopften
auch Konkurrenten von Frazer Nash bei den Bayerischen Motoren Werken an.
AC hatte vorsichtig um eine Lizenz der Einzelradaufhängung angefragt und
Riley wollte den eigenen 1,5-Liter-Motor in ein BMWChassis verpflanzen,
doch daraus wurde nichts.
Bei einem Besuch Aldys in München im Februar 1936 kam ihm ein spannendes
Projekt zu Ohren. BMW bereitete einen 2-Liter-Sportwagen der Superlative
vor. HJ Aldington war höchst interessiert, so einen Wagen mit Frazer Nash-BMW-Badge
im Rennsport einzusetzen. Ende der Saison wurden drei Autos des neuen
Typs 328 bei der Tourist Trophy genannt. So gut hatte man bei dem klassischen
Event noch nie abgeschnitten: Platz 1 bis 3 in der 2-Liter Klasse und
ein 2. Rang im Gesamtklassement. Den bestplatzierten Frazer Nash- BMW
steuerte A.F.P. Fane, kein anderer als A.F.P. Agabeg, der seinen Familiennamen
geändert hatte. 1937 ging Fane beim Shelsley Walsh Hillclimb an den Start,
ein Bewerb, den in den letzten Jahren Raymond Mays ERA dominiert hatte.
Fane trug mit dem 328er einen glänzenden Sieg davon. Zwar war Mays diesmal
nicht dabei, aber zur Ehrenrettung muss gesagt werden, dass Fane die Rekordzeit
Mays unterbieten konnte.
Einen denkwürdigen Auftritt hatte Fane am Nürburgring, wo er sich an die
Spitze setzte und dabei die gesamte deutsche Fahrer-Elite überholte. Er
musste ein seltsames Gefühl dabei gehabt haben, als ihm Sportführer Hühnlein
zu dem hervorragenden „Sieg für das Vaterland” gratulierte. Sein fahrerisches
Talent stellte er auch am Großglockner unter Beweis, wo er erneut eine
Bestzeit herausfahren konnte.
1938 war die Metamorphose von Frazer Nash zu Frazer Nash-BMW vollzogen.
Der Verkauf lief hervorragend. Fane and Aldy nannten einen 328er Werkswagen
bei der Mille Miglia. Es sollte ein toller Erfolg für BMW werden. Man
belegte die Plätze 8 (Fane/Aldington), 10 und 11, sowie 1-2-3 in der Klasse.
Abruptes Ende und ein trickreicher Neubeginn. Das Jahr 1939 schien
gut zu beginnen. In Isleworth gab es keinen Grund zur Sorge. Den politischen
Spannungen zwischen England und Deutschland schenkten die Brüder Aldington
keine Aufmerksamkeit, sondern konzentrierten sich wie eh und je auf den
Motorsport. Im Laufe des Jahres verfinsterte sich der Himmel über Europa
zusehends. Als am 3. September der Krieg ausbrach, hofften die Aldingtons
noch, die Krise würde rasch vorübergehen. Aber bald war es bittere Gewissheit,
das BMWBusiness war mit einem Schlage tot. Nach dem ersten Schock überlegte
Aldy, wie man das Werk über den Krieg retten könnte. Er verhandelte mit
dem Militär und man kam überein, das Frazer Nash-Werk in ein Ausbildungs-Camp
für Ingenieure des Royal Army Ordnance Corps und der Royal Navy zu verwandeln,
was es auch bis 1945 blieb. Das schlimmste Erlebnis für Aldy im Weltkrieg
war wohl der Tod seines Freundes Fane, der 1942 mit einer RAF-Spitfire
abstürzete.
Nach Ende des Krieges waren die Aldingtons zunächst ratlos über die Gestaltung
der kommenden Jahre. Aldy dachte zunächst über eine neuerliche Kooperation
mit einem anderen Fahrzeughersteller nach, da man mit BMW nicht rechnen
konnte. Dennoch wollte er mit seinen alten Geschäftspartnern in Kontakt
treten, was nicht so einfach war. Um Probleme mit den amerikanischen Besatzungstruppen
zu vermeiden, ließen sich HJ und WH Aldington in Armeeuniformen eingekleidet
nach Frankfurt fliegen und wurden von einem USAFMannschaftswagen weiter
nach München gefahren. Die Stadt glich einem Ruinenfeld und man befürchtete
schon das Schlimmste. Doch groß war die Freude, als man wider Erwarten
einige Repräsentanten von BMW im schwer beschädigten Werk antraf. BMW
zählte zu jenen Unternehmen, denen erlaubt wurde, die Produktion wieder
aufzunehmen, allerdings erstreckte sich dieses Privileg auf landwirtschaftliche
Geräte, Kochtöpfe, Kartoffelstampfer und ähnliches. Dennoch zeichnete
sich eine Silberstreif am Horizont ab.
Aldy erfuhr durch Zufall, daß die Bristol Aeroplane Company in Gloucester,
Dorset beabsichtige, sich in der Autoindustrie zu etablieren. Er ließ
seine Beziehungen spielen und knüpfte Kontakte zwischen Gloucester und
München. Wenn sich in Deutschland keine Möglichkeit bot, eine BMW-Fahrzeugproduktion
in Schwung zu bringen, so konnte das vielleicht in England geschehen.
AFN fehlte dazu ein starker Partner und Bristol war interessiert. Die
beiden Unternehmen wurden vertraglich aneinander gebunden mit dem Ziel,
den BMW 6-Zylindermotor in Lizenz zu fertigen. BMW war einverstanden und
liefert die Baupläne. Der nächste Schritt war die Entwicklung von zwei
kompletten Fahrzeugprototypen. Limousinen sollten mit dem Bristol-Badge,
sportliche Zweisitzer als Frazer Nash angeboten werden. Bei der Motor
Show in Genf im Frühjahr 1948 teilten sich Bristol und Frazer Nash einen
Stand. Man präsentierte gemeinsam den neuen Bristol 400 und ein attraktives,
von Touring in Mailand gestaltetes Frazer Nash-Cabriolet. Beide Modelle
kennzeichneten die typischen „BMWNieren”, welche unmissverständlich an
den Vorkriegs-328er erinnerten. Aber irgendwie stimmte die Chemie nicht
zwischen Bristol und Frazer Nash. Immer öfter kam es zu Auseinandersetzungen
über die weitere Modellpolitik. Aldy brauchte von Bristol eigentlich nur
die Antriebstechnik, Aufbauten lieferten verschiedene Karosseure, die
Montage konnte man inzwischen wieder ganz gut selbst erledigen. Nach nicht
ganz drei Jahren wurde das schwierige Bündnis zwischen Bristol und Frazer
Nash wieder geschieden. Bereits im November 1948 waren in Earls Court
zwei neue Frazer Nash zu bewundern, ein Sportwagen, der dem Mille Miglia
BMW von 1940 ähnelte sowie ein türloser, zweisitziger Roadster mit freistehenden
Rädern und Motorradkotflügeln, der die Bezeichnung „High Speed” oder „Competition”
bekam. Beide Modelle boten überdurchschnittlich gute Fahreigenschaften,
für den Motorsport war freilich der „High Speed” bzw. sein Nachfolger
„Le Mans” interessanter und für die Nachkriegsgeschichte von Frazer Nash
bestimmend. 1949 kam das Team NR Culpan/HJ Aldington mit dem „High Speed”
in Le Mans auf Platz 3, das beste Ergebnis, das ein Frazer Nash bei den
24 Stunden je erreicht hatte. In Italien teilte sich Aldy das Cockpit
eines Bristol 400 mit dem italienischen Grafen Lurani. Bei der Mille Miglia
wurden sie 3. und beim Giro di Sicilia 2. in der Tourenwagen-Klasse. Die
eindrucksvollste Show in Italien lieferte Frazer Nash 1951 bei der Targa
Florio. Es war schon schlimm genug für die Zuschauer, dass Franco Cortese
eine „macchina inglese” pilotierte und damit die Ferraris und Maseratis
in der 2-Liter-Klasse in Grund und Boden fuhr. Dass er auch noch den Gesamtsieg
davon trug, traf die Italiener schwer.
Die Stuttgart-Connection. Die motorsportlichen Aktivitäten von
AFN sowie der Fahrzeugbau wurde noch bis Ende der 50er Jahre mit mäßigem
Erfolg fortgesetzt. In Le Mans fand man den Namen Frazer Nash noch bis
1959 auf der Starterliste, jedoch nicht mehr unter den Siegern. Die Jahre
des Wiederaufbaus und des Rock ‘n’ Roll waren keine guten für kleine Automobilfirmen,
die in Kleinstserien exklusive und teure Fahrzeuge fertigten. Viele von
ihnen wurden damals hinweggerafft und sind heute fast vergessen. Die AFN
überlebte auf wundersame Art und Weise bis zur Jahrtausendwende, jedoch
nicht als Produzent. Das letzte Kapitel der AFN-Geschichte beginnt eigentlich
schon im Jahr 1950, als Bill Aldington auf der Motor Show in Genf einen
faszinierenden kleinen Sportwagen mit Heckmotor entdeckte, der vom berühmten
Büro Porsche entwickelt worden war. Aldy zögerte nicht lange und vereinbarte
mit dem damaligen Porsche Motorsport- und PR-Manager Baron Huschke von
Hanstein, den er seit den BMW 328-Zeiten gut kannte, ein Treffen in Stuttgart.
1953 wurde die AFN zum Porsche Generalimporteur für England und blieb
es fast 50 Jahre lang. Als Harold John „Aldy” Aldington 1976 verstarb,
war die AFN nach wie vor in Isleworth aktiv und übersiedelte erst 1978
in eine neue, große Halle nach Reading. Bis zum Jahr 2001 war dort unter
dem Porsche-Logo die Buchstabenkombination „AFN” angebracht, welche nur
mehr Eingeweihte an die Frazer Nash-Saga erinnerte.
Literatur:
David Thirlby
The Chain-drive Frazer Nash
Motoraces Book Club, London 1967
Denis Jenkinson
From Chain Drive to Turbocharger
PSL, Patrick Stephens, Wellingborough, ISBN 0-85059-631-9
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Text und Farbfotos: Alexander Korab
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