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Piccolo
der Kleinwagen aus Apolda
Im Jahre 1854 gründete ein gewisser Artur Ruppe in Apolda, in
deutschen Bundesland Thüringen, eine Maschinenfabrik und Eisengießerei,
die sich den Bau von Landmaschinen und Sägewerkseinrichtungen widmete. Berthold Ruppe, der Sohn des Firmengründers, konstruierte bereits
in den 1860er Jahren einen Dampfwagen, dessen Benutzung auf öffentlichen
Straßen ihm allerdings bald polizeilich verboten wurde. In den 1890er Jahren konstruierte die nunmehr dritte Generation der
Familie, Hugo Ruppe, Motordreiräder und ein Motorrad, das unter dem Markennamen
"Apoldania" angeboten wurde.
Hugo Ruppe war überhaupt technisch überaus aktiv. Er entwarf nicht nur
die "Apoldania" Motorräder und die Piccolo- und MAF-Automobile sondern
war auch als Konstrukteur von Zweitaktmotoren für DKW und Bekamo erfolgreich.
Die Motorradproduktion wurde schon bald wieder eingestellt und stattdessen
nahm die Firma "A. Ruppe & Sohn, Apolda" im Jahre 1904 die Produktion
von Automobilen auf.
Der erste Prototyp eines Vierradwagens hatte einen luftgekühlten Zweizylindermotor,
der durch das Zusammenfügen von zwei "Apoldania"-Motorradmotoren entstanden
war. Die Kraftübertragung erfolgte mittels Ketten auf die Hinterräder.
Im Oktober 1904 wurde der "Piccolo" genannte Kleinwagen auf der Kristallpalast-Ausstellung
in Leipzig präsentiert. Der Piccolo hatte ein Stahlrohrfahrgestell und
wurde von einem V-2 Motor von 620 ccm Hubraum und 5 PS Leistung angetrieben.
Das Getriebe hatte zwei Vorwärts- aber keinen Rückwärtsgang. Die Kraftübertragung
erfolgte jetzt bereits über Kardanwelle und Differential. Die Spitzengeschwindigkeit
lag bei etwa 30 km/h.
Der Erfolg des neuen Kleinwagen konnte sich sehen lassen: Bis zum Jahresende
1904 konnte die Firma 250 Bestellungen aufnehmen.
Bereits im folgenden Jahr wurde der Piccolo verbessert. Das Chassis wurde
jetzt aus Stahlblech gepresst, vorne und hinten verbesserten Halbelliptikfedern
den Fahrkomfort und das Getriebe hatte zwar noch immer zwei Vorwärtsgänge
aber jetzt auch einen Rückwärtsgang. Die Bohrung des Motors wurde um 5
mm (von 70 mm auf 75 mm) vergrößert und die Leistung erhöhte sich auf
6 PS. Da der Fahrtwind allein für die Kühlung nicht mehr ausreichte fächelte
ein kleiner Propeller dem Motor zusätzliche Kühlluft zu.
Als Räder standen Holz- oder Drahtspeichenräder zur Wahl und die Aufbauten
hatten zwei oder drei Sitze. Das Basismodell, der offene Zweisitzer, kostete
im Jahre 1906 - ohne Zusatzausstattung - 2.000 Mark. Gute Qualität und
günstiger Preis bescherten dem Piccolo einen beachtlichen Erfolg - nicht
weniger als 1.000 Fahrzeuge wurden bis 1906 ausgeliefert.
Für das Modelljahr 1906/07 wurde der Piccolo weiter verbessert. Der Hubraum
wurde auf 795 ccm vergrößert, das automatische Einlassventil wurde durch
ein gesteuertes ersetzt und die Leistung betrug jetzt 7 PS. Ein zweiter
Ventilator verbesserte die Kühlung. Das neue Dreiganggetriebe wurde nicht
mehr durch ein Handrad am Lenkrad sondern durch einen Hebel betätigt.
Durch den vergrößerten Radstand war es jetzt möglich den Motor unter einer
richtige Haube zu "verbergen". Mit einer Kühlerattrappe sah der Piccolo
jetzt wie ein "richtiges", sprich konventionelles, Automobil aus. Der
Wagen wurde als Zwei- und Dreisitzer und, mit verlängertem Radstand, auch
als Landaulet bis 1910 angeboten. Dank eines kaum veränderten günstigen
Preises (ab 2.350 Mark) und robuster Bauweise wurde der Wagen auch in
beträchtlicher Stückzahl exportiert.
Im Februar 1907 eröffnete Erzherzog Leopold Salvator die Wiener Automobil-Ausstellung
- da durfte Piccolo natürlich nicht fehlen. Die Allgemeine Automobil Zeitung
berichtet "Zu den "Luftgekühlten" der Wiener Automobil-Ausstellung
zählt auch die Piccolo- Voiturette. Sie hat einen V-förmig angeordneten
Motor; an der Frontseite ist ein Ventilator zur Kühlung angebracht. Der
Lenker verfügt über drei Schnelligkeiten und Rückwärtsfahrt. Zufolge des
relativ geringen Gewichtes und der nicht allzu hohen Kompression des Motors
reicht die Luftkühlung bei dem Piccolo aus. Viel Komfort darf man allerdings
von dem kleinen, billigen Wägelchen nicht verlangen. Wer höhere Ansprüche
stellt, muß(!) sich schon dem kleinen Vierzylinder zuwenden, der bereits
mit Wasserkühlung ausgestattet ist."
Ehe 1912 die Marke Piccolo verschwand und die Fahrzeuge unter dem Namen
"Apollo" vertrieben wurden, kamen noch ein 5 PS Einzylinder-Modell (genannt
"Mobbel") und ein Vierzylinder mit vorerst 12 PS und 1,6 Liter Hubraum
(später 14 PS aus 1,8 Liter) auf den Markt, denen aber nicht der Erfolg
der "kleinen" Piccolos beschieden war. Die letzten luftgekühlten Wagen
wurde unter dem Namen "Piccolo-Apollo" vertrieben.
Unser Photomodell ist ein 6 PS Zweizylinder- Modell, vermutlich aus dem
Jahre 1907. Der Wagen wurde kürzlich restauriert und ist jetzt im Kutschenmuseum
Berger in Horn zu bewundern.
Austro Classic Ausgabe 1/08
Text und Photos: Wolfgang
M. Buchta
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